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andrea schnell

Andrea Schnell: „Have an eye on you”

Have an eye on you, 2001
Zeichnung über Kohlepapier
31 x 22 cm

Andrea Schnells „Körperzeichnungen” entstehen nicht als Studien nach einem Modell, sondern nach einer inneren Vorstellung. Es ist auch keine physische Körperlichkeit gemeint, die naturalistisch wiedergegeben wird, vielmehr geht es um eine bestimmte Symbolik und eine emotionale Komponente. Was auf dem Papier entsteht, ist ein Konturieren dessen, was an innerer Vorstellung und subjektiver Empfindung vorhanden ist. Die Zeichnung entspringen einer von innerer Bewegtheit ausgelösten Motorik. Verzeichnungen, Vergrößerungen, Streckungen, Quetschungen haben in diesem Sinn eine psychische Dimension.

In jedem Fall entsteht ein Eindruck von Bewegtheit, die sich nicht nur auf die Bewegung des dargestellten Körpers bezieht, sondern auf die psychische, emotionale Bewegtheit der Künstlerin. Die Gestalten sind Spiegelungen ihrer Stimmungen, sie beschreiben Seelenzustände. Die psychische Energie, aus der die Zeichnungen entstanden sind, überträgt sich auf den Betrachter, geht sozusagen auf den Betrachter über.

Eine Interpretationshilfe gibt uns die Künstlerin in den Arbeiten, in denen sie der eigentlichen Hauptfigur einen Nebendarsteller beigesellt, einen kleinen Gnom, der scheinbar, wie mit einer Nabelschnur mit der Hauptdarstellerin verbunden, Auskunft gibt über deren Konstitution. Diese Nebenfigur wird zum emotionalen Bezugsystem für die Zeichnung, sie ist ihr Stimmungsbarometer. Sie ist aber auch Ausdruck der Selbstkontrolle, der die Künstlerin unterliegt, denn sie beobachtet sich beim Zeichnen und hält diese Beobachtung in der Nebenfigur fest.

Die gezeichneten Gestalten sind auch die Protagonisten einer persönlichen Mythologie der Künstlerin, Archetypen ihrer subjektiven Empfindungen und Erfahrungen: von Freude, Glück, Trauer, Angst und Sehnsucht.

Daß sich zu den antropomorphen Gestalten Elemente der Landschaft gesellen oder eine Zeichnung „Landschaft” benannt wird, steht zu dem bisher gesagten in keinem Widerspruch: Spricht man doch von „Seelenlandschaften”. Denn immer schon sind Landschaftsbilder Sinnbilder für psychische Gestimmtheiten, für Emotionen und Temperamente.

Der Künstlerin ist bewusst, dass sie in diesen Zeichnungen viel von sich selbst preisgibt und jede von ihnen ein sehr persönliches Bekenntnis darstellt. Nicht umsonst heißt es, „Zeichnung” als Wort wäre mit dem „Zeichen” verwandt: Die Zeichnung gilt als ein unmittelbares, nicht selten psychogrammatisches Notat des Zeichners, der Zeichnerin.

Andrea Schnell zeichnet nicht direkt auf dem weißen Papier, sondern auf darüber gelegtem Kohlepapier, wobei sich der Strich auf dem Kohlepapier auf das darunter liegende Blatt überträgt. Während des Zeichnens dreht und verschiebt sie das Kohle- papier, hebt es ab, um Ergebnisse zu sehen, legt es wieder auf und führt die Zeichnung weiter, das Gesamte immer nur vor dem inneren Blick, nicht wirklich vor dem Auge.

Das Ergebnis hat nichts mit Zufälligkeit zu tun. Die technische Vorgangsweise ist ein Hilfsmittel dafür, ein Bild aus dem Inneren zu schöpfen. Dabei geht die Künstlerin ihrer Emotion nach, die dieses Bild ausgelöst hat und es begleitet und überträgt diese Emotion schließlich in der Strichführung auf das Papier. Indem sie nicht die gesamte Zeichnung sieht, kann sie ungehemmt zeichnen. Die impulsive Direktheit wird durch den Eindruck des Gezeichneten auf dem Blatt, dem Hindenken auf eine Komposition nicht beeinträchtigt.

Die Technik des zwischengeschobenen Kohlepapiers scheint noch in anderer Hinsicht aufschlussreich: Korrekturen sind unmöglich. Unbefriedigende Stellen können nur durch Überdecken behoben werden, wobei die Gefahr bestünde das Blatt restlos zu verderben. Die Zeichnung entsteht also in einem Wurf, es gibt kein Weiterarbeiten an einer Kom- position, kein Überarbeiten, kein Verbessern: Alles entsteht ungebremst und ungefiltert.

Der Betrachter ist in seiner Wahrnehmungsfähigkeit herausgefordert, denn in seinem Auge, in seiner Erwartung werden die Zeichnungen zu Bildern. Er denkt die Zeichnung weiter und spürt dabei, wie sie sich durch seine Interpretation mit Leben füllt.

Die Vorstellungswelten, die den Schöpfer einer Zeichnung und den Betrachter verbinden, hat der italienische Künstler Andrea Fogli in treffende Worte gefaßt. Sie scheinen auch den zeichnerischen Kosmos von Andrea Schnell zu umreißen: „Ich glaube manchmal, dass Zeichnen so etwas ist wie Blicke und Personen ans Licht zu ziehen. Auch Zustände, die sonst keine Materialität oder Sichtbarkeit besitzen, ein Volk von Figuren also zu beschreiben, das still in uns und um uns herum wie ein heimliches Pantheon der Gottheiten unserer gemeinsamen und persönlichen Psyche lebt.”

Dr. Andrea C. Fürst
„Körperzeichnungen – Landschaften”

In „Alter Ego – Herzstücke”, Edition Thurnhof Horn, 2003

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