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andrea schnell

Unterbewusstes als inspirierende Nachtseite der Vernunft

Andrea Schnell: „Sprachlos”

Sprachlos, 2010
Tusche, Kreide auf Papier
30 x 41 cm

Es geht nicht um die Erfahrung von Dunkelheit der äußeren Welt. Nächtliche Wesen drängen sich aus dem Inneren der Künstlerin Andrea Schnell aufs Zeichenblatt wie Klecksfiguren. Es wäre einfach, deren Entstehung allein als spontan auftretende künstlerische Schöpferkraft aus dem Unbewussten zu erklären. Die Nacht in die innere Finsternis spiegeln, hieß bislang in der Psychoanalyse, den Abstieg zurück zur eigenen primitiven Phase, eine Art Prähistorie der Kindheit als geheimnisvollen Höhlengang zu beschreiten. Das gefürchtet Finstere mit Wesen als inneres Ausland bevölkern, bewirkt, dass sie spontan herausflitzen, als ob sie das Papier gleich wieder verlassen möchten, um sich im nächsten Augenblick schamvoll zu verbergen. Schnell beschreibt sie jedoch als Ergebnisse ihrer Verbindung zum Transzendenten, das bedeutet aber nach oben hin und nicht nur aus den Tiefen der Seele. Die Mischwesen bestehen aus eigenen Persönlichkeitsanteilen oder Empfindungen und ganz Fremdem, Unheimlichem.

So tritt eine „Frau Kafka” als an einen Käfer erinnerndes Wesen mit einem schildförmigen weißen Hut auf, die Arme und Beine suggerieren Krabbeln, die Augen über sinnlich schweren schwarzen Lippen sind starr (vor Furcht über die Erkenntnis zum Mischwesen verwandelt zu sein?). Dieser weibliche Gregor Samsa steht bei Schnell für das Lebensspendende und gleichzeitig Verschlingende. Das sind tatsächlich altägyptisch-dualistische Beschreibungen für Naturgötter. Auch Doppelwesen des Traums, aber als gegensätzliche Alter Egos vielleicht auch Zeichen zurückgehaltener Gefühle, die kurz vor einer Explosion nach außen stehen. Erst nach ihrem Verlassen aus dem Inneren, mit Hilfe eines zuerst zufällig agierenden Handstreichs, können sich die Figuren selbst behaupten und sind fassbarer als flüchtige Träume in Freudscher Tiefenanalyse (ähnlich der Archäologie, nur als Grabung in die inneren Tiefenschichten) oder Archetypen Jungs. Sie haben Abschied genommen vom dialogisch vorgehenden Unbewussten, das Es ist gebannt und vereint sich mit dem Ich in „Die Schwarze” mit weißem Gesicht in schwarzer Umhüllung. Als Schutz vor dem Umfeld blähen sich die Kleider auf und umranken schützend, die Arme sind dazu eingestemmt in die Faltenwürfe – eine klar selbstsichere Geste. Dramatik ist in diesen Stellungen oft zu finden – es sind Nachfahren von Aby Warburgs „Pathosformeln”, die von den zuletzt gegebenen Titeln als soziales Gedächtnis aktiv werden. Erinnerungen an etwas längst Vergangenes, wieder Aktualisiertes. Die Definitionen eigener Weiblichkeit bekommen Namen aus griechischer und römischer Mythologie und Geschichte wie Nyx, Empusa, Marie Antoinette. Der männliche Kronos ist zweimal auftretender Begleiter der Dramadamen, aber auch Zeitfaktor. Zu denken gibt der verbal angekündigte Vertreibungsversuch der Künstlerin: die figürlichen Spiegelungen, die zum Teil ihr Unterbewusstes freilegen bis zu einer Art peinlicher Entblößung, sollen nun in einen Katalog gebannt werden, weil das Figurale ihr lästig wird, sich aufdrängt, aber sie selbst wieder in abstraktere Malfeder aufbrechen möchte.

Grillen und altägyptische-afrikanische Vielschichtigkeit

Neben der Psychoanalyse, speziell Archetypen des Weiblichen, können die Protagonistinnen auch auf alte Inspirationsquellen im Literarischen verweisen, denn schon die schwarze Ironie der Antike kennt solche widersprüchlichen Wesen als „Grillen”. Das schrille Zirpen ist eine passende Geräuschkulisse für unheimliche Kobolde oder Gnome und fantastische Mischwesen aller Art – über diesen Wesen der „Nachstücke” klingt auch das, was die Künstlerin als „Einflüsterungen” im negativen wie positiven Sinn beschreibt. Stimmen aus der Tiefe, die sich zu Linien auswachsen, ausufern, ein Wegspritzen der Tusche verursachen. So ist der „Unfried” vielfältiger Begleiter der großen Figur, nicht nur störrischer kindlicher Teil des Erwachsenseins.

Ein wenig tierisch oder auch mit tierischer Maske („Empusa”), letztere kann sich auch afrikanischen Ritualmasken annähern („Afrikanisches”), zeigen die Figuren einen Willen zu spontaner Bewegung, wilder Gestik, ab und zu bringen sie eben jene „Nebendarsteller” (Andrea C. Fürst) als Beiwesen mit. Diese Anhängsel und Gegenspieler kommen wie im „Unfried” als schwebende oder tanzende Figur zwischen den Armen einer größeren, zu ihm gebeugten Gestalt daher. Der Tanz erinnert aber an den Slogan „jemandem einen Tango machen”, also ist dieses Alter Ego ungezogenes Kind oder Poltergeist zu einem mütterlichen Part. Mütterlichkeit gibt es auch als „Schutzmantelmadonna”, die weiß und nackt in einem Rankenmantel einen kleinen roten Kerl beherbergt. Rote Kerle oder auch nur rotes Haar weisen oft auf Zornesgewalt als erhitztes Stimmungsbarometer hin. „Über die Wut II” lässt den ganzen Kopf zur brennenden Kugel werden. Das rote Haar „steht zu Berge” bei „Abraxas”. Rote Hüte aber sind oft nur Schutz wie die Kostüme der Protagonistinnen.

Eindeutigkeit haben die Frauenbilder nicht, aber als eine Herkunft ortet die Künstlerin ganz richtig altägyptische Porträts und afrikanische Kunst. Viele Figuren der über mehrere tausend Jahre anhaltenden Kultur am Nil verkörpern Anteile von Tieren zu Menschlichem bis zu göttlichem Geist. Ein Bild steht in der altägyptischen Kunst für verschiedene Zustände des Menschen, körperlich, als Seelenvogel und als schattenhaftes Geistwesen. Zerrissenheit ist noch kein psychisches Phänomen, es gehört zum höchsten Gott der Unterwelt, Osiris, wie seine Auferstehung mit allen wiedervereinten Gliedern im tagtäglichen Wechsel. Der böse Bruder Seth tötet ihn, die gute Schwestergeliebte, die schwarze Isis sammelt seine Einzelteile mit Hilfe der Krokodile aus dem Nil, setzt sie zusammen. Das posthume Kind der beiden ist Falke und Mensch, göttliche Anteile sind in der Schöpfung selbstverständlich da, die späteren monotheistischen Religionen werden diese wandelbaren Ebenbilder des Menschlichen verbieten, bis das Altägyptische als „schmutziger” Rest über die Psychoanalyse wieder ins Gedächtnis gerufen wird. Doch die Prähistorie ist im 21. Jahrhundert aktueller denn je. Die Erinnerung ließ sich auch durch mächtige Dogmen und patriarchalische Ordnung nicht tilgen, sie in die Kunst wie in die Neurosen ein.

Al khem, die ägyptische Heimat der schwarzen Wissenschaft
Alchemie und die Schwarzkunst

Es gibt in den „Nachtstücken” Andrea Schnells ein technisches Spiel zwischen trockener Kreide, die Feuer, aber auch rote Kleider, Haar und Hüte sichtbar macht, und flüssiger Tusche, von tiefschwarzen Pinselzügen bis zu wässrigen oder mit Radiergummi erzeugten Farbverwischungen. Neben der spontanen Linie sind Braun- und Ockerflächen wie die speziellen Papiere und papierenen Fundstücke, die sie oft kombiniert und collagiert, wichtige Entsprechung für das Forschen im Urgrund. „Unten so wie oben” ist ein Streit zwischen oberem, kopflastigen und unterem, gestolperten Beinteil, dazwischen korrespondiert eine Art Wasserfall aus Tusche im Bauchbereich. Der Titel ist aber auch ein Hinweis auf den geheimnisvollen Satz des Hermes Trismegistos, wichtigsten Gottes für die Alchemisten, auf einem schwarzen Basaltstein in einer ägyptischen Höhle. Seine Bedeutung ist ungeklärt, doch die „Schwarzkunst” kam immer wieder ins Gerede – zuletzt beim Buchdruck in der Renaissance und später der Fotografie. Beide standen im Verdacht mit der unheimlichen Gegenwelt der Mystik, der Ketzerei zu tun zu haben. Galten aber gleichzeitig als technische und damit kunstlose Zerstörer der (Buch-)Malerei. Mit der Schwarzkunst geht der Glauben an göttliche Anteile im Menschen auf die Künstler über. Ihre Inspirationskraft kam direkt als obere Eingießung (Albrecht Dürer), als göttlicher Funke, aber auch als „Disegno interno” (Federico Zuccari), eine Lichtspur im dunklen Inneren des Kopfes.

Das Material wurde gegenüber diesem hellen Lichtgeist als untere Ebene abgetan, doch das Erdige bleibt entscheidend wie das Schwarz, der Urstoff, die Urmaterie. Nur die wortgläubigen Bildfeinde blieben im Konzept, der Idee verhaftet. In „Isadora” tanzt sich eine erdfarbene Frau in kreidiger Trockenheit aus dem flüssigen Schwarz auf rotbrauner Wiese in den Vordergrund. Die Arme werden ausbalancierend weggestreckt, um den runden Körper in Waage zu halten und nicht umzukippen. Das melancholisch anmutende Gesicht ist noch vom Schwarz umgeben wie mit einer Haube, Mund und Auge vereinen sich zum Ausdruck „spitz” – zwischen provokant und verschlossen, ganz im Gegensatz zur heftigen Bewegung des Körpers. Diese Wesen leben aus ihrer sinnlichen Präsenz, sie haben keine Angst vor einem Absturz wie in „Sturz” und „Vom Fliegen”. Doch auch da ist das Scheitern produktiv.

Schnells Vorgangsweise in bewusster werdenden Phasen passiert mit den jeweilig passenden Techniken: der absichtslose Beginn passiert mit Tusche, flüssig, klecksig, Richtungen gebend. Dann folgen das bewusste Eingreifen und das verzögernde Herausarbeiten, wenn es davor zu langsam geht mit dem Trocknen, setzt die Künstlerin einen warmen Föhnwind ein. Die Gesichter radiert sie heraus (mit Radiergummi nicht in Drucktechnik) und akzentuiert mit trockenen Kreiden. Als letzte Phase wird die parallel einsetzende Ahnung, um wen oder was es sich handelt, in Worte gefasst. Doch nicht immer findet sich ein Titel. Das Bild besteht auch so. Erdfarben bekommen bei Schnell den Vorzug vor Blau, Grün oder Gelb, sie passen mehr zum alten Ritual der Erinnerungsfetzen aus dem Ursächlichen. Aus dem frühen Ritual des Tanzes rettet sie sich das Spielerische, den anarchischen Akzent des „Homo ludens”. Als künstlerisches Vorbild ist er ein Selbstgenügsamer, dem Drama und der Obsession, die er ab und zu erleidet, abgeneigt, indem er ins scheinbar Harmlose wandelt. Das ist dann ein naher Verwandter des Ironischen, der Grille, den Moriskentänzen der Närrin, die ein weiteres Symbol für ein gestaltendes und erfüllendes Doppelleben abgibt. Kunstland als Ausland des Selbst, in dem sich auch das Fliegen nicht nur als sexuelle Intention orten lässt, denn der kleine „Unfried” wirkt weiblich, ist vielleicht Platons wiedervereintes Androgyn in Bilderschrift.

Dr. Brigitte Borchardt-Birbaumer
Spontane Einflüsterungen oder Drama der Damen

„Nachtstücke” – Katalog Malerei 2010
Katalog online durchblättern

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