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andrea schnell

Andrea Schnell: „Geflügeltes”

Geflügeltes, 1997
Acryl, Kreide, Collage auf Papier
75 x 56 cm

Es hat sich in den letzten Jahren Einiges geändert in den Arbeiten von Andrea Schnell: es gibt mehr Malerei und damit auch mehr Farbigkeit, es tauchen Figuren auf, wo früher abstrakt organische Formen überwiegten. Nur der Malvorgang und die Vielfalt der Techniken – allen voran das Collagieren und Kombinieren ganzer Assemblagen aus zuvor teils verworfenen und zerschnittenen Werkteilen – ist geblieben.

Das Märchen, die Mythen und die Geschichten aus der Natur waren auch in früheren Zyklen von großer Bedeutung, nun tauchen sie immer häufiger auf, sind auch durch die Titel erkennbar und durch Eugen Drewermanns Forschung angeregt; das Aufdecken der psychischen Verfassung, die Erzählung verschütteter Erinnerungen aus inneren Landschaften, setzt die Künstlerin ebenso fort. Das lyrische Element hat in den Strukturen der Arbeiten an Deutlichkeit gewonnen, manches Formfragment oder ganze Kompositionsteile scheinen der Mitteilung in losen Wortgefügen ähnlich.

Kobolde, Mischwesen zwischen Mensch und Tier, Geister und Vögel, die Seelenträger sein könnten, treten auf – sie schweben über der Höhle der „Sieben Raben”, im Käfig von „Rapunzel” und verraten ihr Spiel in „Diabolo”. Die nach wie vor starke Orientierung an der Kinderzeichnung wird nun von Andrea Schnell vermischt mit den bewusst gesetzten Linien des Übergangs zum Erwachsenseinwollen. Die Dekonstruktion – fast überwundene zeitgeistige Philosophie – läßt nach, Ästhetik ist wieder zugelassen, jedoch nicht per se, sie steht für die innere Schönheit der Natur. Eine Natur, die nicht mehr als materielle Erscheinung trompe l´oeil-haft, sondern in ihrer Ganzheit erfaßt wird. Was wir lange nicht gesehen haben, abgelenkt durch das analytisch-verkopfte Schauen, ist das sinnlich Geistige der Dinge. Das mythische Denken wird versuchsweise aus den fast automatischen Strichführungen der Hand abgeleitet. 2)

Das Wissen versunkener Kulturen taucht wieder auf, wird zeichnerisch ausgegraben, freigelegt: „Unter dem Blätterdach eines Baumes sitzt ein Busch und singt” 3) – die Poesie der Indianer könnte die Beschreibung des Blattes „Baumgeburt” von 1996 aus dem Zyklus „verwunschen – erlöst” sein. Über aufcollagierten Zeitungsausschnitten und weißkreidigen Leimschichten erhebt sich ein schwarzer Baumstamm, unter dessen Wurzeln im grünen Nest ein menschenähnlicher Umriß geistige Gestalt in Embryonal-Haltung annimmt. Schon Edvard Munch hat diese Geburt in Anregung aus Mysterienkulten und pantheistischen Ursprüngen vor hundert Jahren thematisiert. Der Pinselstrich Andrea Schnells ist gestisch, pastose und pigmentreiche Schriftzüge wechseln mit transluiziden Membranen. Das Smaragdgrün leuchtet aus der schwarzen Umarmung der Baumwurzeln; den Kontrast verstärkend, ist als untere Umfassung ein ziegelroter Rand gelegt.

Lyrische Kunst im Geiste Robert Burns brachte die Künstlerin in eine internationale Gruppenschau nach Schottland 4). Die Parallele zur Leichtigkeit der Wortgefüge in Gedichten, die Tiefgang und Schwere zeigen, keine Erstarrung aus Lebenshärte, keinen Dogmen folgen, könnte auch an den assoziativ sinnlichen Stil von James Joyce erinnern, seine Verse „Kammermusik” oder die früheren englischen Romantiker Shelley, Keats, Wordsworth. „Luftgeist Vogel, lehr uns was selig dein …” 5) wirkt, trotz großen zeitlichen Abstands, wie ein weiteres Schriftbild zur „Baumgeburt”.

Aber auch die schwarzen, oft ironischen und mit dem Unheimlichen agierenden Reime Edgar Allan Poes über den „Raben” könnte man leicht mit den Blättern aus „verwunschen – erlöst” in Bezug bringen. „Rapunzels blauer Vogel” jedenfalls, in seiner schwarzen Assemblage-Konstruktion (1997) – wie in einem Käfig über dunkler Moles – oder die traumhaft verrätselten Zonen in „Geflügeltes” (1997), die durch Collage von Seidenpapier und weißer Leimmalerei entstehen, lassen an die Phantastik des Dichters denken. Viele Tiere und Menschen in Andrea Schnells geklebter Relief-Malerei schweben, fliegen; in „Diabolo” balanciert ein baumgeisterhafter Zottelmensch-Clown vor einem truthahn-schwarzen Vogelwesen auf einer Art Schaukel (vielleicht auch Sprosse) – oder ist es doch nur ein abstrahierter Zufall – ein Fleck auf alten orangebraunen Kartonresten: der Dialog dieser Wesen scheint jedoch so intensiv zu sein, dass man sie plappern und sogar kreischen hört; wieder eine der Erscheinungsformen der lyrischen Struktur dieser Bilder.

Auch wenn der Arbeitsprozeß in erster Phase und womöglich auch noch der zweiten, scheinbar vom Zufall lebt, aus aufgestauten Tempramentsäußerungen und Arbeitswutanfällen geschöpft ist: das Kleben, Kritzeln, Knittern, Kratzen, Befetten erscheint zwar willkürlich, aber die sich ergebende Konfiguration hat ein strenges Ordnungsgefüge, die Formen sind rythmisch verteilt ohne einen Anflug von Atonalität. Auch die Farben, manchmal kräftiges Blau, Rot und auch Grün auf Grau, Beige und Weiß, umrissen von schwarzer Kontur, sind so harmonisch verteilt als stünde Andrea Schnell längst im Einklang mit der lenkenden Natur. Doch ein Rest an Unruhe ist geblieben, der sie wohl am Malen hält, die Mythen sind noch nicht ausgeforscht, die Übergänge zum Erwachsensein weiter unscharf, die Schriftzüge und Farbflecken noch nicht eingegangen in die unerreichbare Harmonie der Sphärenklänge, wo alles synergetisch vereint ist: Lyrik, Musik und Zeichnung. An diesem Ziel wartet das blinde Sehen.

Jeden Tag höre ich die Flut des Meeres
Rauschen und stöhnen;
der traurige Wasservogel kann mit der Einsamkeit
sich nicht versöhnen –
er hört nur die Winde schrein in der Wasser
einförmigem Dröhnen.
wo ich auch bin;
ich höre das Rauschen vieler Wasser
unter mir ziehn,
jeden Tag, jede Nacht höre ich ihr Kommen und Gehen
dorther, dorthin. 6)

Dr. Brigitte Borchardt-Birbaumer – „Die Stimme des Blauvogels” 1)

Neue Bilder und Papierarbeiten von Andrea Schnell
Katalog Malerei – Collage 1998

Anmerkungen:

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